
Es war einmal ein kleines Mädchen das ein Engel sein wollte.
Sie war ein Wunschkind, sagte ihre Mama ihr als sie schon groß war. Auch sagte ihre Mama zu ihr dass alle weinten als sie zur Welt kam, denn sie hatte rotes Haar und das war nicht gut in dieser Zeit als sie geboren wurde. Alle waren sehr traurig.
Da die Mama und der Papa von dem kleinen Mädchen ganz wenig Geld dafür aber noch zwei Buben eine Oma einen Opa, eine Großtante und ein ganz altes, kaputtes Haus hatten wurde beschlossen, das kleine Mädchen kommt zu Tante I und Onkel S. Die haben ein neues Haus. Die haben viel Platz. Die haben viel Geld. Die haben viel Zeit. Da hat das kleine Mädchen alles was es braucht. Da hat das kleine Mädchen ein eigenes weißes Kinderbettchen.
Sie erinnert sich gut an das weiße Kinderbettchen, an das Zimmer in dem es zusammen mit einem großen, hellblauen Himmelbett stand. Sie erinnert sich gut an die Kälte in diesem Zimmer. Sie erinnert sich gut keine Puppe oder Freundin gehabt zu haben. Sie erinnert sich gut wie der liebe Onkel S immer an ihr Bettchen kam, ihr die lästige Windel und die anderen überflüssigen Kleider auszog – denn die Engel sind auch nackt.
Nackt ist schön sagte Onkel S denn er war es auch. Tante I versteht das aber nicht und darum dürfen wir unser Engelgeheimnis nicht verraten.
Das kleine Mädchen mochte das Kinderbett mit den weißen Stäben nicht so gerne und darum durfte sie mittags immer in dem zweiten Bett im Zimmer schlafen. Das war ein sehr großes Bett für so ein kleines Mädchen. Damit sie keine Angst haben musste legte sich Onkel S immer mit ihr in dieses Bett mit der Himmelblauen Decke. Wie im Himmel, auf den Wolken, so blau war das. Im Himmel sind die Engel und die sind auch nackt, deshalb war der Onkel S und das kleine Mädchen auch nackt und sie spielten verstecken unter der himmelblauen Decke, solange bis der Onkel S müde wurde. Da nahm er das kleine Mädchen in die Arme und streichelte und küsste es überall, damit es schlafen konnte.
Manchmal machte er dabei ganz komische Geräusche und das Mädchen fürchtete sich, bis sie sich daran erinnerte das sie diese Geräusche auch oft hörte wenn sie nachts in ihrem weißen Gitterbettchen lag und die Tante I und der Onkel S in dem großen himmelblauen Bett lagen.
Sowas macht man wenn man in einem himmelblauen, großen Bett liegt und ein Engel werden möchte, das hat Onkel S gesagt.
Es ist auch nicht schlimm wenn es manchmal nass und klebrig wird oder ein bisschen weh tut, das vergeht ganz schnell wieder.
Tante I wollte nie mittags mit Onkel S im himmelblauen Bett schlafen und wenn sie ins Zimmer kam während Onkel S mit dem kleinen Mädchen verstecken und Engel spielte ging sie immer gleich wieder hinaus.
Ab und zu, also eigentlich recht oft betete das kleine Mädchen zum lieben Gott das er sie doch jetzt bitte bald zu den Engeln, als Engel holen möchte.
Sie war immer brav, genau so, wie Onkel S es zu ihr gesagt hat.
Sie hatte sogar fliegen gelernt und übte jeden Tag ganz fleißig.
Sie erzählte das auch der Tante I, voller Stolz und die hat ihr dann erklärt das man nur ein Engel wird wenn man als kleines Kind stirbt.
So einfach war das also? Einfach sterben, das war von nun an der größte Wunsch des kleinen Mädchens. Sie hat nur leider nie herausgefunden wie das geht, das Sterben.
Das machte das kleine Mädchen sehr traurig. Von da an sagte dann die Tante I, die Oma M, die Mama und der Papa; sie ist halt ein bisschen komisch. Ihr geht es so gut und sie lacht nie.
Bei den Festen in der Familie wurde viel gelacht. Da durfte das kleine Mädchen den Onkel S immer auf den Mund küssen weil alle das so lustig fanden.
Sogar ein Foto gibt’s davon.
Zu dem Papa von dem kleinen Mädchen haben dann alle gesagt; auf die musst du aufpassen das wird mal ein ganz raffinierte, die hat´s Faustdick hinter den Ohren, die wickelt die Männer um den Finger.
Verstanden hat das kleine Mädchen das nicht aber es hat sich gefreut dass alle es so lustig hatten und lachten. Sie lachte so gerne und lachte mit.
Als die Tante I und der Onkel S einen eigenen kleinen Engel bekommen haben wurde das kleine Mädchen nicht mehr gebraucht und durfte von da an in die Schule gehen.
Sie war ja jetzt auch schon ein großes und kein kleines Mädchen mehr.
Das große Mädchen hatte dann noch einen Onkel S, doch das ist eine andere Geschichte und doch untrennbar von dieser.
Das Große Mädchen ist jetzt eine Frau, schon lange.
Diese Frau musste die Geschickte, von dem kleinen Mädchen das ein Engel werden wollte heute einfach aufschreiben, heute ist ein guter Tag dafür. Lange dachte sie schon drüber nach das zu tun.
Das Engelgeheimnis ist jetzt keines mehr.
espresso